Wasserwerfer und Panzerfahrzeug der Polizei beim Fußball

Politisches Taktieren auf Kosten der Fans

Das Innenministerium NRW hat mit den Bundesliga-Vereinen aus Dortmund, Mönchengladbach, Düsseldorf, Gelsenkirchen, Köln, Leverkusen, Paderborn, Bielefeld und Bochum eine Kooperationsvereinbarung zu sogenannten Stadionallianzen geschlossen.

 

Der inhaltlichen Kritik der bundesweiten Fanorganisation ProFans sowie der NRW-Fanhilfen schließen wir uns vollumfänglich an.

 

Wir hatten bis zur Unterzeichnung die naive Hoffnung, auf diplomatischen Wegen die Verabschiedung dieser Vereinbarung verhindern zu können. Denn diese sogenannte Stadionallianz

  • manifestiert das Bild von Fußballfans als Sicherheitsproblem,
  • konterkariert den Ursprung von Stadionallianzen in Baden-Württemberg,
  • widerspricht dem Umgang mit Stadionverboten und in Teilen dem NKSS,
  • blendet die Bedeutung professioneller Fanarbeit vollständig aus,
  • wird zu erheblichen Konflikten zwischen Fanszenen und ihren Vereinen führen
  • und untergräbt das Engagement aller Akteure, die sich für Kommunikation und Dialog zwischen Fans, Vereinen und Verbänden einsetzen.


Wem die Intention der NRW-Stadionallianzen noch verschlossen war, erfährt dies dann aus der Pressemeldung des Innenministeriums NRW.

In dieser wird auf ein „seit Jahrzehnten bestehendes Problem“ verwiesen und „de[r] Anfang vom Ende dieser Auswüchse rund um Fußballspiele in Nordrhein-Westfalen“ propagiert. Es werde nicht mehr akzeptiert, dass uns der Fußball […] von Hooligans, Rassisten und Chaoten kaputtgemacht wird“. Der Einschätzung des Innenministeriums zufolge kommt es im Fußball „immer wieder […] zu offenen Hass-Bekundungen und Rassismus in den Stadien. Menschen werden durch Transparente und Sprechgesänge beleidigt, erniedrigt und diffamiert […] Auch vor den Stadien und auf dem Weg zum Spiel kommt es häufig zu Ausschreitungen und Gewaltexzessen.“

Eine Ansammlung von Vokabeln ohne Belege und Sachkenntnis wird nicht plötzlich richtig, nur weil sie aus dem Innenministerium eines Bundeslandes kommt. Wir fragen uns, wann Herr Reul das letzte Mal in einem Fußballstadion war. Und ob er die Berichte der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) der Polizei NRW gelesen hat.

Wir schon: Der ZIS zufolge wurden in den letzten 12 Jahren pro Saison zwischen 0,003% und 0,007% der Zuschauenden als Verletzte kategorisiert (unabhängig von der Ursache wohlgemerkt). In NRW liegt der Höchstwert bei 0,005 %. Die ZIS erfasst keine rechtskräftigen Verurteilungen, sondern lediglich eingeleitete Strafverfahren. Bei diesen beträgt – im Verhältnis zu den Zuschauenden – die höchste Zahl in NRW 0,045%, bundesweit 0,043%.

Wir können beim besten Willen kein „seit Jahrzehnten bestehendes Problem“ erkennen. Und auch keinen Anstieg, der solche Maßnahmen rechtfertigt. Die ZIS erklärt zu ihrem letzten Jahresbericht: In der Fußballsaison 2018/19 hat es weniger Verletzte und weniger Strafverfahren gegeben als in der Vorsaison“.

Am Ende der Pressemeldung wird deutlich, warum die Vereine sich für die Kooperationsvereinbarung entschieden haben. Sofern sie überhaupt Bedenken hatten: Denn Herr Reul verspricht, dass das Land NRW den Bundesliga-Vereinen – anders als Bremen – die Polizeieinsätze bei Bundesliga-Spielen nicht in Rechnung stellen wird. Politisches Problem gelöst. Natürlich auf Kosten der Fans.

Mit diesen will Herr Reul im Übrigen einen „regelmäßigen Austausch“ suchen, die er „ausdrücklich mit einbeziehe“. Wir kennen keine Fanorganisation, die bisher einbezogen war. Noch nicht einmal ein Fanprojekt oder Fanbeauftragte der Vereine. Die perfide Strategie: Erst im Stillen Fakten schaffen, dann öffentlich Fanbeteiligung und Dialog suggerieren und sich im Anschluss darüber wundern, warum er nicht zustande kommt.

 

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