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Fotos oben: Für den Erhalt der 50+1 Regel
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Tagung mit Parlamentariern: UEFA-, Verbands- und Fanvertreter aus Europa verdeutlichen gemeinsamen Wunsch nach effektiver Lizenzierung mit strenger Finanzkontrolle und mehr Faneinfluss in demokratisch strukturierten Vereinsgremien.
Am 23.02.2010 fand im EU- Parlament eine Tagung zum Thema Fanmitbestimmung im europäischen Fußball statt. Der Einladung von Ivo Belet, Europaabgeordneter aus Belgien, in Zusammenarbeit mit Supporters Direct Europe sowie der UEFA waren Abgeordnete des europäischen Parlaments und hochrangige Vertreter von UEFA, DFL, DFB und Premier League gefolgt, um sich mit Fanvertretern aus elf europäischen Nationen über Notwendigkeit, Rechtmäßigkeit und mögliche Kernpunkte einer zukünftigen europäischen Lizenzierung auszutauschen.
Vier Reden, ein Tenor: der europäische Fußball braucht demokratische Strukturen
Mit ungewohnter Deutlichkeit betonte bereits Ivo Belet in seiner Eröffnungsrede, dass ein effektives Financial Fair Play notwendig sei und dass Europa die Besonderheiten des Sports anerkennt. „Im Europäischen Parlament herrscht die Überzeugung vor, dass eine strukturierte Einbeziehung von Fans zu einer Verbesserung der finanziellen Situation und des Vereinsmanagements führt“, so Belet weiter. Fußballvereine seien keine Wirtschaftsunternehmen sondern vielmehr Organisationen mit kulturellen und sozialen Aufgaben, deren finanzielles Handeln heutzutage oftmals nicht mehr nachvollziehbar sei.
Dave Boyle (Supporters Direct) und Andy Walsh (FC United of Manchester) verdeutlichten in ihren Reden die Bedeutung der Fans im Fußball. Diese geht weit über das farbenfrohe und lautstarke Unterstützen am Spieltag hinaus: Fans haben eine regulierende Wirkung, die in der Lage ist, existenzbedrohende Fehlentwicklungen zu verhindern.
Voraussetzung hierfür ist die Einbindung der Fans in Entscheidungsprozesse und in Clubgremien. Insbesondere die Beispiele in England zeigen, dass bei aller Euphorie über Weltstars und internationale Erfolge die gesamte Liga in einer katastrophalen Schuldenfalle steckt. Manchester United ist innerhalb weniger Jahre vom reichsten Club der Welt zu einem hochverschuldeten Spielball geworden. Während die erfolgreiche Zukunft des gesamten Vereins unsicherer denn je erscheint, haben seine Besitzer lediglich die Sorge, für sich nicht den maximalen Gewinn herausholen zu können. ManU`s Fans hatten schon sehr früh gegen die Pläne der Glazer- Familie protestiert, schließlich ihre Vorstellung einer sinnvollen Weiterentwicklung des Clubs nicht durchsetzen können und mit dem FC United of Manchester einen fangeführten und nach wie vor wirtschaftlich gesunden Verein aufgebaut, dem sie ihre Unterstützung uneingeschränkt zukommen lassen können. Dieses Beispiel zeigt eindrucksvoll, welchen Nutzen Vereine aus der Einbeziehung ihrer Fans in Entscheidungsprozesse ziehen können. Idealerweise geschieht dies zu einem Zeitpunkt, zu dem noch keine „Rettungsaktionen“ vonnöten sind.
Boyle sieht eine breite Zustimmung in Europa für die Bemühungen der Faninitiativen: "Es ist klar, dass eine große Unterstützung für eine sinnvolle Einbindung der Fans in ihre Clubs von der UEFA und von den Politikern in Europa gegeben ist. Die Aufgabe besteht nun darin sicherzustellen, dass die Sportpolitik der Europäischen Union die Bemühungen der Anhänger unterstützt, um Transparenz, Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit in den Vereinen zu sichern. "
William Gaillard, UEFA- Vertreter und rechte Hand Michel Platini`s ging sogar noch einen Schritt weiter: „Die UEFA hat schon vor einiger Zeit betont, dass wir demokratische Strukturen in den Vereinen haben wollen. Wir wollen weiterhin, dass Fans in den Vereinen mitbestimmen und mitarbeiten können. Ja, wir wollen sogar, dass Fans in den Vorständen und wichtigen Gremien der Vereine vertreten sind.“
So deutlich wurde eine Stärkung der Fanposition innerhalb der Vereine in der Öffentlichkeit bisher noch nicht gefordert – Unsere Kurve begrüßt dieses Bekenntnis zu mehr Mitbestimmung der Fanbasis uneingeschränkt.
Deutsche Vertreter sprechen sich für effektive Kontrolle aus
Im Anschluss an die offiziellen Reden bot sich die Möglichkeit, im persönlichen Gespräch detaillierter auf die Besonderheiten innerhalb der einzelnen europäischen Nationen einzugehen und weitere Hintergründe zu erläutern. Jens Wagner vom HSV Supporters Club und Ulrike Polenz vom Arminia Supporters Club konnten bei dieser Gelegenheit sowohl neue Kontakte für Unsere Kurve knüpfen als auch die Interessen der deutschen Fanbasis an entscheidungsbefugter Stelle weitergeben.
In den Kernpunkten herrschte unter den Anwesenden Politik- und Verbandsvertretern aus Deutschland eine erstaunlich breite Übereinstimmung mit den Positionen von Unsere Kurve: 50+1 ist sinnvoll und sollte erhalten bleiben - Vereine in Fremdbesitz destabilisieren das Finanz- und Wettbewerbsgefüge im Ligensystem, was für Deutschland nicht erwünscht ist. Für Europa ist ein nachhaltiges finanzielles Wirtschaften anzustreben und die Fanmitbestimmung zu fördern – das Financial Fair Play innerhalb der UEFA- Lizenzierung ist für diese Ziele ein guter und vielversprechender Ansatz.
Jürgen Creutzmann (EU- Parlament) würde persönlich sogar noch weiter gehen und eine salary cap (Obergrenze für Spielergehälter) befürworten, zudem müsse der Kostenfaktor „Beraterhonorare“ transparenter auf ein gesundes Ausmaß reduziert werden.
Jürgen Ditthard (Komitee für Kultur und Bildung) berichtete zum Einen über das breite Interesse der Parlamentarier am Fußball, das dazu beigetragen hat, den inoffiziellen Kreis „Friends of Football“ zu gründen. Diese tagen in regelmäßigen Abständen unter Vorsitz von Ivo Belet, um sich mit der UEFA über Fußballfragen in EU und europäischer Gesetzgebung auszutauschen. Zum Anderen betonte er die Bedeutung des Lissabonner Vertrages, der in der Rechtsprechung die Möglichkeit eröffnet, Vereine und deren Kapitalgesellschaften nicht mehr mit herkömmlichen Wirtschaftsunternehmen gleichzusetzen:
Der Lissaboner Vertrag beinhaltet eine Änderung des § 149 des Vertrags über die Europäische Union, deren Wortlaut „Die Union trägt zur Förderung der europäischen Dimension des Sports bei und berücksichtigt dabei dessen besondere Merkmale, dessen auf freiwilligem Engagement basierende Strukturen sowie dessen soziale und pädagogische Funktion.“ die Besonderheit des Sports rechtlich festhält und dem Europäischen Gerichtshof hiermit einen Interpretationsspielraum im Klagefall bietet. Den Sport betreffende Entscheidungen müssen somit nicht mehr auf alleiniger Grundlage des Wirtschaftsrechts getroffen werden.
Dies könnte sowohl im Fall einer gerichtlichen Klärung der „50+1-Frage“ durch Martin Kind wertvolle Auswirkungen haben, ebenso kann der Rechtsstatus einer konsequenten europäischen Lizenzierung hierdurch begünstigt werden. Selbstverständlich entscheidet der Europäische Gerichtshof souverän – die Grundlage, um die sozialen und kulturellen Hintergründe im sportlichen Wettbewerb zu berücksichtigen, ist ihm durch den Lissabonner Vertrag nun erfreulicherweise gegeben.
Im Gespräch mit Christian Müller (DFL- Geschäftsführer Finanzen und Lizenzierung) wurde die Benachteiligung im europäischen Wettbewerb durch den unterschiedlichen Umgang mit Schuldenaufbau und Steuerbegünstigungen in den einzelnen Ländern thematisiert: So lange in England einzelne Vereine mehr Schulden aufbauen dürfen als die gesamte deutsche Bundesliga, wird ein fairer Wettbewerb mit diesen kaum möglich sein. Müllers Engagement für ein effektives, europaweites Financial Fair Play leistet einen wesentlichen Beitrag zu mehr Chancengleichheit und Nachhaltigkeit. Dabei verschweigt er nicht, dass Wirtschaftskrise und Etatunterdeckungen auch einigen deutschen Vereinen Probleme bereiten, die Dimensionen sind jedoch kaum mit anderen Top- Ligen zu vergleichen.
Das strenge Lizenzierungsverfahren in Deutschland sowie die soliden Strukturen in Verbänden, Vereinen und Fanorganisationen sorgen für eine Stabilität, die in Europa Vorbildfunktion innehat. Dass Müller dieses argumentativ immer wieder einbringt und den wenig an Kontrolle interessierten englischen Vereinen einen gewichtigen Gegenpol bietet, erhöht die Chance auf stärker sportlich orientierten Wettbewerb sowie eine ausgewogenere Verwendung der verfügbaren Gelder im europäischen Fußball.
Der Einfluss der Mitglieder in den Vereinsstrukturen hat das Bewusstsein für den Erhalt von demokratischen Strukturen und Mitbestimmungsrechten in Deutschland stets erhalten und dazu beigetragen, dass kommerzielle Entwicklungen nicht derart entgleist sind wie in anderen Ligen. Europa entdeckt momentan den positiven regulierenden und schützenden Effekt, den die Berücksichtigung von Faninteressen bewirkt und orientiert sich in den eigenen Zielen oftmals am deutschen Beispiel. Beim Aufbau vergleichbarer Strukturen sind daher die hier gemachten Erfahrungen von besonderem Interesse, zudem kann die Unterstützung von etablierten Fanorganisationen, demokratisch geführten Vereinen sowie von DFB und DFL die Position der Fans in ganz Europa positiv beeinflussen.
Die Angst Offizieller vor Machtverlust oder Probleme offenbarender Transparenz, das negative Bild der Fans in der Öffentlichkeit und unzureichend organisierte Fangruppen sind nur einige der Hindernisse, die Fanmitbestimmung erschweren. Nichtsdestotrotz gibt die Treue, Emotionalität und Leidenschaft der Fans ihren Vereinen ein Gesicht, das kein Besitzer jemals erschaffen könnte. Die Ziele der Fans sind zweifelsohne am Wohl des Vereins ausgerichtet, während Investoren oftmals Renditeabsichten hegen – die Berücksichtigung von Faninteressen kommt somit unweigerlich dem Verein zugute.
Dave Boyle stellte in seiner Rede diesbezüglich fest:„Wir alle in Europa sind von der Demokratie überzeugt. Warum sollte also etwas, von dem wir alle glauben, dass es richtig ist, nicht auch in unseren Vereinen gelten?“
Hiermit wirft er eine Frage auf, die uns alle auffordert, das Schicksal unserer Vereine nicht fremdbestimmt werden zu lassen sondern selbst einen Teil der Verantwortung für ihre Zukunft zu übernehmen. UEFA und Europa werden uns hierbei entsprechend ihrer Möglichkeiten unterstützen, wie die Tagung in Brüssel eindrucksvoll herausgestellt hat.
Stimmen aus Brüssel:
Jens Wagner:
„Ich bin positiv überrascht wie einig sich UEFA, EU-Politiker und Fans bei den entscheidenden Fragen über die Zukunft des Fußballs gewesen sind. Jetzt müssen den Worten nur noch Taten folgen“
Ulrike Polenz:
„Diese Tagung war ein beeindruckendes Plädoyer für Fanmitbestimmung und eine effektive Finanzkontrolle in Europa. Die notwendigen Veränderungen müssen nun konsequent umgesetzt werden, damit der Fußball so überleben kann, wie wir ihn lieben.“
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